Forderungen nach verkehrstechnischer Erschließung /1893 Bauentwurf genehmigt
Seit dem im Jahre 1840 trotz vieler Widerstände, besonders der grossen Nachbarstädte Leipzig und Magdeburg, auch Halle Station der ersten mitteldeutschen Eisenbahnstrecke geworden war, nahm die Saalestadt in industrieller und verkehrsmäßiger Hinsicht einen ungeahnten Aufschwung.
Zunächst Privatunternehmen
Schon sechs Jahre nach der Eröffnung der Strecke Magdeburg-Köthen-Halle-Leipzig nahm eine andere Gesellschaft die "Thüringer Strecke" von Halle über Merseburg-Weißenfels bis nach Erfurt in Betrieb. Es folgten 1859 die Berliner Bahn, 1865/66 die Kasseler Bahn und 1872 schließlich die Halberstädter Linie sowie die Sorau-Gubener Strecke. Zunächst von privaten Geldgebern finanziert, begannen ab 1876 die Verstaatlichungen der Eisenbahnen, um in dem von Zollschranken befreiten Deutschen Reich rationellere Wirtschafts-Verwaltungsformen des Personen- und Güterverkehrs durchzusetzen.
Kleinbahn muß her!
Die hallesche Wirtschaft, vor allem große industrielle Unternehmen mit starkem Exportverkehr, suchten ihre Standorte in der Nähe der Eisenbahn, so dass längs des halleschen Liniennetzes ein ganzes Industrieviertel entstand. Von solchen wirtschaftlichen Vorteilen, die die Großstadt Halle bot, versuchten natürlich auch der Handel, die Industrie und Landwirtschaft des Umlandes zu profitieren. Der nordwestlich Halles gelegene Saalkreisteil und vor allem das Harzvorland um Hettstedt hatte sich schon beim Bau der Kasseler und später der Halberstädter Linien Hoffnungen auf eine verkehrstechnische Erschließung gemacht, war jedoch enttäuscht worden. Die Eisenbahnverwaltung schreckte vor den großen technischen Schwierigkeiten zurück, die wegen des hügeligen und von tiefen Quertälern zerschnittenen Geländes zu bewältigen gewesen wären. Im Jahre 1886 lebten die Diskussionen um den Bau einer Klein- und Nebenbahn zwischen Halle-Salzmünde und Schwittersdorf wieder auf. Diesmal zeigte sich besonders die Stadt Halle interessiert, doch die Verhandlungen mit dem preußischen Staat scheiterten. Der Fiskus entschied sich für eine Zweigbahn von Teutschenthal nach Salzmünde und verwirklichte später, im Jahre 1893, von dem gewünschten Projekt lediglich den Abschnitt zwischen dem Sophienhafen an der Saale und dem Hauptbahnhof, der als Hafenbahn ja noch heute jedem Hallenser bekannt ist.
Halle-Hettstedt
Die Pläne einer Verbindung zwischen Halle und der Umgebung lebten wieder auf, als am 28. Juli 1892 das Kleinbahngesetz erlassen wurde. Am 4. Juni 1893 gab es unter Vorsitz des halleschen Oberbürgermeisters Staude in Schwittersdorf eine Vorbesprechung, die auch den Plan erwog, die Linie über Polleben, Helmsdorf bis nach Hettstedt fortzuführen. In einer Denkschrift heißt es zur Begründung: "Der im Norden von der Saale, im Westen von dem Harz und im Süden von der Halle-Casseler Bahn eingeschlossenen Landstrich gilt in landwirtschaftlicher Hinsicht für den reichsten der Provinz Sachsen. Die mit der Landwirtschaft zusammenhängenden Industrien sind demgemäß hochentwickelt, und der Verbrauch der zahlreichen Bevölkerung an Waren aller Art ist ein bedeutender. Außerdem befinden sich in dem östlichen Teil dieses Landstriches Braunkohlen und vor allem die nur an wenigen Fundstellen der Erde vorkommende weiße Porzellanerde."
Ein 4-Millionen-Projekt
Im vorbereitenden Ausschuß waren dann auch neben den kommunalen Behörden die Rittergutsbesitzer, Fabrikanten und Bankiers, hierbei u.a. Kommerzienrat Lehmann aus Halle, stark vertreten. Im Herbst 1893 konnte der Bahnentwurf dem Ausschuß übergeben werden, der das Projekt auch genehmigte. Die Linienführung erschloß danach für den Verkehr Ortschaften (außer Halle) mit 45000 Einwohnern und brachte für eine stattliche Anzahl von Betrieben ein Anschlußgleis, so für die Nietlebener Zementfabrik, das Braunkohlenwerk desBruckdorf-Nietlebener Bergbau-Vereins, die Dölauer Porzellanfabrik Gebr. Baensch, die Lettiner Porzellanfabrik, die Tongruben und Kalkbrennereien bei Lieskau, sowie für einige Zuckerfabriken, Sandsteinbrüche und Kalkwerke. Für den Bau der Halle-Hettstedter Eisenbahn benötigte man über vier Millionen Mark, die allerdings nicht allein vom einheimischen Kapitalmarkt aufgebracht werden konnten. Doch fand man eine auswärtige Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft, die die fehlenden Gelder zeichnete, so dass dem Bau der neuen Eisenbahn nichts mehr im Wege stand und im Frühsommer auch in Angtiff genommen und schließlich am 20. Mai 1896 vollendet werden konnte. Die "Halle-Hettstedter Kleinbahn Aktien-Gesellschaft" hatte sich unter Vorsitz des halleschen Bankiers Lehmann am 28. März 1895 in Halle konstituiert und beschlossen, die Bauausführung mit größter Eile zu beginnen und voranzutreiben. So waren noch nicht einmal alle Bodenkaufverhandlungen mit den Anliegern an der geplanten Strecke abgeschlossen, als man im Frühsommer 1895 schon mit den Arbeiten am Bahnunterbau begann. In der Festschrift heißt es darüber, dass die Gesellschaft den Grund und Boden für den Abschnitt zwischen Lieskau und Fienstedt, insgesamt neun Kilometer, erst Mitte September1895 erwerben konnte.
Schlechtes Wetter
"Die Inanangriffnahme der dort auszuführenden, nicht unbedeutenden Erdarbeiten und Brückenbauten erfolgte mit solcher Beschleunigung, dass auch diese Strecke und damit die ganze Bahn mit Ablauf des Jahres 1895 im wesentlichen im Unterbau fertiggestellt war." Anfang Oktober verlegte man schließlich die ersten Gleise, und zwar von Hettstedt aus, kam jedoch wegen anhaltend schlechten Herbstwetters und eines strengen Winters nur sehr langsam voran, so dass im Februar 1896 erst Gorsieben erreicht worden war. Von Halle aus konnte mit dem Gleisbau sogar erst im März begonnen werden, da man hier die Fertigstellung der Saalebrücken hinter dem Klaustorbahnhof abwarten mußte. Am 22. April 1896 war es endlich soweit, die Gleise wurden bei Gorsieben vereint. Inzwischen waren auch die Bahnhofsgebäude und die kleineren Häuser für die Haltestellen gebaut worden. Beim Bau dieser neuen Eisenbahnlinie waren an vielen Stellen besondere Schwierigkeiten zu überwinden. So mußte das Überschwemmungsgebiet der Saale südlich der Chaussee nach Nietleben überbrückt werden. Vier Brücken mit insgesamt 500 Meter Länge waren dazu nötig.
Moderne Brücken
"Die eisernen Pfeiler stehen auf einem Fundament von eisernen Cylindern, welche in den Boden, in gleicher Weise, wie dies bei Brunnenbauten zu geschehen pflegt, bis auf die erforderliche Tiefe hinabgesenkt und demnächst mit Beton ausgestampft wurden. Diese unter den vorliegenden Verhältnissen einfachste und schnellste Fundierungsart ist bereits mehrfach in England, unseres Wissens bis jetzt noch nicht in Deutschland, zur Anwendung gekommen." Andererseits erhielt die Hettstedter Bahn zwischen Benkendorf und Fienstedt sowie zwischen Polleben und Gerbstedt, da sie hier an mehreren Stellen eine Steigung von 1:40 bewältigen mußte, den Charakter einer Gebirgsbahn. Trotzdem konnten die Arbeiten an der 45 km langen Linie in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von einem Jahr abgeschlossen werden.Am 20. Mai 1896 fand die erste Fahrt mit einem Sonderzug statt. Einen Tag später war die offizielle Erstbefahrung, zu der viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Industrie und des Handels erschienen waren, u.a. Bürgermeister von Holly, Stadtverordnetenvorsteher Prof. Dr. Dittenberger und Handelskammerpräsident Ernst.
Für 25 Pfennig in die Heide
So konnte denn der Hallenser für 25 Pfennig in einem Wagen 3. Klasse (40 Pfennig in der 2. Klasse) in die Dölauer Heide fahren und sich dort vergnügen. Auch Rückfahrten gab es von Anfang an, sie kosteten nach der Heide 40 bzw. 60 Pfennig. Die 45 Kilometer Halle-Hettstedt kosteten dagegen 1,80 Mark oder 2,70 Mark. Das für die Großstädter aus Halle hier ein Naherholungsgebiet erschlossen worden war, betonten alle Kommentare, wenn sie die Haltestelle Dölauer Heide erwähnten. Sie dürfte, so heißt es, bald das Ziel vieler Erholungsbedürftiger werden, denn so groß das Bedürfnis nach reiner, gesunder Waldesluft auch ist, vielen Hallensern war es bisher doch versagt, die nah gelegene Heide aufzusuchen, weil die Wege dafür alles zu wünschen übrig lassen und die nothwendigen Verkehrsmittel fehlen."